Unwörter von 1991 bis 1999


Im Folgenden sind Unwörter der 1990er Jahre zu finden. Das jeweilige Unwort ist mit einer Begründung dargestellt, die weiteren Nominierungen mit einer kurzen Erklärung.

1999


Kollateralschaden: Verharmlosung der Tötung Unschuldiger als Nebensächlichkeit; NATO-offizieller Terminus im Kosovo-Krieg.

Dieser in deutschen Medien nur halb übersetzte Begriff aus der NATO-offiziellen Berichterstattung über den Kosovo-Krieg vernebelte auf doppelte Weise die Tötung vieler Unschuldiger durch NATO-Angriffe. Kollateralschaden lenkte mit seiner imponierenden Schwerverständlichkeit vom schlimmen Inhalt dieser Benennung ab und verharmloste - auch und gerade wenn man den Begriff wörtlich nimmt - die militärischen Verbrechen in diesem nicht erklärten Krieg als belanglose Nebensächlichkeit (NATO-Englisch: »collateral damage« = Randschaden).

Nach Meinung der Jury trieb Kollateralschaden die vielfältigen Versuche auf die Spitze, das Vorgehen auf dem Balkan in ein freundlicheres Licht zu rücken. Hierzu gehörte u. a. auch, Bombardements zu »Luftschlägen« und den Krieg insgesamt zum bloßen Kosovo-»Konflikt« herunterzuspielen. Dazu passt, dass Vertreibungen - zuletzt der Kosovo-Serben - als »Völkerverschiebung« umschrieben werden konnten.

1998


Sozialverträgliches Frühableben: In einer öffentlichen Erklärung zynisch wirkende Ironisierung; Karsten Vilmar.

Diese Wortschöpfung wurde im Dezember 1998 vom Präsidenten der Bundesärztekammer, Karsten Vilmar, geprägt, als er Sparpläne der neuen Bundesregierung kritisieren wollte.

Dabei hat er in mindestens zweifacher Hinsicht die Seriosität einer offiziellen Stellungnahme verfehlt: Zum einen in der Umschreibung eines vorzeitigen Todes durch »Frühableben«, zum anderen in der Verbindung mit dem Wort »sozialverträglich«, das schon durch seinen Missbrauch in anderen Fällen eigentlich unbenutzbar erscheinen müsste. Kommt hinzu, dass Vilmar – wenn auch in ironischer Absicht – formuliert hat, Ärzte müssten sich überlegen, ob sie den vorzeitigen Tod von Patienten »fördern« müssten. Hier schlägt Ironie und Satire endgültig in blanken Zynismus um, der eines Sprechers der Ärzteschaft unwürdig ist, zumal deutsche Ärzte bereits am Ende des 2. Weltkriegs vorzeitiges Sterben nach Therapie- und Medikamentenentzug als »Frühableben« umschrieben hatten.

Belegschaftsaltlasten: Abfallmetapher für Mitarbeiter, die ein Betrieb gern wieder loswerden möchte.

Humankapital: Als Bezeichnung von Kindern.

Moralkeule: Fatale Kopplung von »Moral« und einem Totschlaginstrument; Martin Walser.

1997


Wohlstandsmüll: Umschreibung arbeitsunwilliger wie arbeitsunfähiger Menschen; Helmut Maucher, Nestlé.

Bereits 1996 hatte der damalige Verwaltungsratspräsident der Firma Nestlé, Helmut Maucher, in einem Interview Arbeitsunwillige wie Arbeitsunfähige als Wohlstandsmüll bezeichnet:

[ ...] Wir haben einen gewissen Prozentsatz an Wohlstandsmüll in unserer Gesellschaft. Leute, die entweder keinen Antrieb haben, halb krank oder müde sind, die das System einfach ausnutzen [...]

In der Sendung »Späth am Abend« des Nachrichtensenders n-tv am 26.10.1997 wurde ihm dieses Zitat vorgehalten, und Maucher schwächte die Äußerung ab, indem er sich darauf berief, nur »plastisch« formuliert zu haben. Seine spätere Einlassung, die Interviewäußerung sei in einer angespannten Atmosphäre zustandegekommen, war - wie der »Spiegel« (11/1998, S. 112) feststellen konnte - auch nur eine Schutzbehauptung, da der Interviewtext vor seiner Veröffentlichung Maucher vorgelegen hatte.

Organspende: Pervertierung der Begriffe »Spende / spenden« in der Transplantationsmedizin.

Blockadepolitik/ -politiker: Diffamierende Unterstellung einer argumentationslosen Verweigerungshaltung.

Neue Beelterung: Bürokrat. Umschreibung neuer Erziehungsberechtigter, die an die Stelle der leiblichen Eltern treten sollen.

1996


Rentnerschwemme: Falsches, angstauslösendes Naturbild für einen sozialpolitischen Sachverhalt.

Diese Wortbildung, die sich auf einen einzigen Aspekt der demographischen Veränderungen, die hohe Zahl zu versorgender Rentner, konzentriert, scheint auf den ersten Blick nicht so kritikwürdig wie das bereits für 1995 gerügte Unwort »Altenplage« (seinerzeit auf Position 2). Dennoch erschien der Jury das mit Renterschwemme vermittelte Bild noch gefährlicher, weil es nicht so deutlich mit dem Kampfbegriff »Plage« operiert, sondern ein naturwüchsiges Ereignis beruft, das als solches unvermeidlich erscheint.

Gleichzeitig aber weckt das Bild von der »Schwemme« ein unterschwelliges Bedrohungsgefühl. Damit befindet es sich in schlechter Gesellschaft mit anderen unangemessenen Naturbildern im Umkreis sozialpolitischer Debatten. Erinnert sei u. a. an die »Asylanten-flut«, den »Schüler-berg«, den »Versorgungs-berg« im öffentlichen Dienst (der seinerzeitige Innenminister Kanther strebte nach eigenen Worten eine »Untertunnelung des Versorgungsberges« an) usw. Derartige Anleihen bei Naturerscheinungen lassen grundsätzlich verkennen, dass die bezeichneten Tatsachen Ergebnisse eines von Menschen zu verantwortenden Handelns, also nicht naturwüchsig sind.

Das Bild von der Rentnerschwemme verdrängt außerdem im engeren Rahmen der rentenpolitischen Debatte durch seine Einseitigkeit der Situationsbeschreibung die Tatsache, dass sich die allermeisten Angehörigen der als so bedrohlich gedeuteten älteren Generationen ihren Anspruch auf eine angemessene Altersversorgung in jüngeren Jahren selbst erarbeitet haben.

Flexibilisierung: Bezeichnung für eine betriebswirtschaftliche Strategie, die den Wert aktiver individueller »Flexibilität« leugnet, diesen Begriff aber schön-färberisch ausbeutet.

Outsourcing: Imponierwort, das der Auslagerung/Vernichtung von Arbeitsplätzen einen seriösen Anstrich zu geben versucht.

Umbau des Sozialstaates: Missbräuchliche Verwendung einer [Auf-] Baumetapher.

Gesundheitsreform: Missbräuchliche Verwendung des positiv besetzten Begriffs »Reform«.

Sozialhygiene: Höchst problematische Anwendung von Hygienevorstellungen auf soziale Sachverhalte; vgl. »Rassenhygiene«, »ethnische Säuberungen«.

1995


Diätenanpassung: Beschönigung der Diätenerhöhung im Bundestag.

Die Diätenerhöhung für Bundestagsabgeordnete 1995 (die beinahe zu einer »Anpassung« des Grundgesetzes geführt hätte) hatte in jenem Jahr viele Wochen die deutsche Öffentlichkeit beschäftigt. Der Zorn über die Absichten und Beschlüsse einer Bundestagsmehrheit unter Einschluss der sonst oppositionellen SPD schlug sich auch in den Einsendungen zur Unwort-Suche 1995 deutlich nieder: Die mit Abstand größte Gruppe von Zuschriften (153) hatte kaum zufällig »Diäten« und »Diätenerhöhung« als Unwörter vorgeschlagen.

Dennoch lag hier (wie in anderen Fällen) eine Verwechslung von Sach- und Sprachkritik vor. Die Kritik an der Sache, hier der Diätenerhöhung, läßt sich nicht durch eine Schelte der dafür verwendeten (sachlich angemessenen) Wörter »Diäten/-erhöhung« leisten. Eine wesentliche Absicht der sprachkritischen Aktion »Unwort des Jahres« ist die Rüge von sachlich grob unangemessenen Benennungen, also von Wörtern, die über den wahren Charakter einer Sache hinwegtäuschen (siehe Satzung).

Für die Wahl zum »Unwort des Jahres« kam nur ein Begriff in Frage, der den negativen Eindruck, den die Diätenerhöhung geweckt hat, durch eine verharmlosende Umschreibung herunterzuspielen versuchte. Eine solche Beschönigung (Euphemismus) liegt aber in der Koppelung von »Diäten« mit dem scheinneutralen Wort »Anpassung« vor. »Anpassung« spiegelt (auch in vielen anderen Fällen; z. B. »Gebühren-, Preis-, Tarifanpassung«) eine fast naturnotwendige, unausweichliche Veränderung von finanziellen Forderungen im Hinblick auf neue Sachbedingungen vor (man vergleiche auch die Bedeutung von »Anpassung« von Lebewesen an veränderte Umweltbedingungen im Darwinismus!).

Altenplage: Beleidigung der älteren Generation.

Biologischer Abbau: Zynismus für Ausscheiden aus dem Arbeitsleben.

Sozialverträglicher Stellen-/ Arbeitsplatzabbau: Schönfärberische Umschreibung für Entlassungen.

Abfackeln: Von Sachen und Menschen. Jugendsprachl. zynische Gleichsetzung.

1994


Peanuts: Abschätziger Bankerjargonismus; Hilmar Kopper.

Der Vorstandssprecher der Deutschen Bank, Hilmar Kopper, bezeichnete im April 1994 auf einer Pressekonferenz Verluste in Höhe von ca. 50 Mio DM, die durch den Bankrott des Bau- und Immobilienkonzerns Schneider entstanden waren, als Peanuts, also als unwichtige Größe. Da es sich dabei aber vor allem um Gelder handelte, die kleineren und mittleren Firmen für schon erbrachte Leistungen zustanden, war diese Qualizifizierung außerordentlich zynisch, weil die Außenstände etliche Firmen an den Rand des Ruins brachten.

Die Entschuldigung Koppers auf einer Aktionärsversammlung kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass finanzielle Probleme, die für den Durchschnittsbürger existenzbedrohend wären, in Finanzkreisen auch sonst gern als Peanuts abgetan werden, wobei zu bedenken ist, dass Banken zu einem wesentlichen Teil von geliehenem Geld, auch von Kleinsparern, leben, die sich durch einen derartigen Wortgebrauch zutiefst missachtet fühlen müssen. Der verbale Ausrutscher Koppers war also nur im Hinblick auf die Höhe der Verluste einmalig; er hat durchaus seine Basis im kaltschnäuzigen Umgang mit Problemen anderer und offenbart damit eine grundsätzlich inhumane Haltung.

Besserverdienende: Pseudodefinition für neue staatliche Einnahmequellen.

Dunkeldeutschland: Ironismus für östliche Bundesländer.

Buschzulage: Gehaltszulage für sog. Aufbauhelfer in den östlichen Bundesländern.

Freisetzungen: Als Begriff für Entlassungen.

1993


Überfremdung: Scheinargument gegen Zuzug von Ausländern.

Ausschlaggebend für die Kritik an diesem auf den ersten Blick harmlos erscheinenden Wort war die Feststellung, dass Überfremdung nach wie vor im Sinne einer rassistischen Uminterpretation verwendet wird.

Bis 1934 war Überfremdung ein rein betriebswirtschaftlicher Terminus (= zuviel fremdes Geld in einem Unternehmen), danach musste der Rechtschreib-Duden die Interpretationen »Eindringen Fremdrassiger« und »Eindringen fremden Volkstums« (1941) aufnehmen. Durch diese Sprachlenkungsmaßnahme wurde die betriebswirtschaftliche Ausgangsbedeutung schließlich völlig verdrängt, und Überfremdung wurde zur Stammtischparole, die auch die undifferenzierteste Fremdenfeindlichkeit »argumentativ« absichern soll.

Kollektiver Freizeitpark: Unterstellung einer sozialpolitischen Wunschvorstellung; Helmut Kohl.

Sozialleichen: Verstorbene, die aus völliger Verelendung stammen; Objekte für Auto-Crashtests.

Schlanke Produktion/ lean production  mit weiteren Varianten: Unter-nehmensstrategie mit Arbeitsplatzvernichtung.

Selektionsrest: Für schwerstbehinderte Kinder, die nicht in «Normalklassen» integriert werden können.

1992


Ethnische Säuberung: Propagandaformel im ehemaligen Jugoslawien.

Für diese Beschönigung schlimmster Menschenrechtsverletzungen wie Vertreibung und Massenmord sind zunächst einmal die Urheber in den Bürgerkriegsparteien auf dem Balkan verantwortlich.

Aber die Beobachtung, dass zahlreiche deutsche Medien diese Propagandaformel in ihrer Übersetzung ohne jede kritische Distanz weiterverwendeten, hat die Jury zu ihrer Unwort-Rüge veranlasst. Zeitungen verwendeten den Begriff ohne Anführungszeichen, in Hörfunksendungen wurde noch nicht einmal ein distanzierendes »sogenannt« verwendet – als handle es sich um eine beliebige Hygienemaßnahme. Im sprachlichen Missbrauch von Hygieneidealen ist ethnische Säuberung auf einer Stufe mit »Rassenhygiene« und »politischer Säuberung« zu sehen.

Weiche Ziele: Militärsprachliche Umschreibung für Menschen.

Auf-/ abklatschen: Tätliche und tödliche Angriffe auf Ausländer.

Aufenthaltsbeendende Maßnahmen: Abschiebung im sog. Asylkompromiss; GG Artikel 16a.

Beileidstourismus: Für Trauerkundgebungen anlässl. der Morde von Mölln.

1991


Ausländerfrei: Fremdenfeindliche Parole in Hoyerswerda.

Die Parole »Ausländerfrei!«, besonders bekanntgeworden bei brutalen Angriffen auf eine Ausländerunterkunft in Hoyerswerda, ist schon für sich gesehen eine zynische Koppelung des Grundworts »frei« mit einer Benennung für Menschen, an deren Stelle sonst überwiegend Kennzeichnungen sächlicher Gefahrenquellen stehen (z. B. »atomwaffen-, staub-, unfall-frei«). Diese spezifische Verbindung hat aber leider auch eine böse deutsche Tradition, die vor 1945 in der Wortbildung »judenfrei« gipfelte. In diese Tradition reiht sich ausländerfrei formal wie semantisch nahtlos ein.

Durchrasste Gesellschaft: Mischung der Deutschen mit Ausländern; Edmund Stoiber.

Intelligente Waffensysteme: Begriff aus der Golfkriegsberichterstattung.

Personalentsorgung: Steht für Entlassungen.

Warteschleife: Phase sozialer Unsicherheit von Arbeitskräften in den östlichen Bundesländern.

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