Humankapital



Der Gebrauch dieses Wortes aus der Wirtschaftsfachsprache breitet sich zunehmend auch in nichtfachlichen Bereichen aus und fördert damit die primär ökonomische Bewertung aller denkbaren Lebensbezüge, wovon auch die aktuelle Politik immer mehr beeinflusst wird. Humankapital degradiert nicht nur Arbeitskräfte in Betrieben, sondern Menschen überhaupt zu nur noch ökonomisch interessanten Größen. Bereits 1998 hat die Jury Humankapital als Umschreibung für die Aufzucht von Kindern gerügt. Aktueller Anlass ist die Aufnahme des Begriffs in eine offizielle Erklärung der EU, die damit die «Fähigkeiten und Fertigkeiten sowie das Wissen, das in Personen verkörpert ist», definiert (August 2004).

 

Generelle Stellungnahme zum Unwort des Jahres »Humankapital»:

 

Die Unwort-Jury ist inzwischen mit so vielen Reaktionen auf ihre Wahl von »Humankapital« zum Unwort des Jahres konfrontiert worden, dass es unmöglich ist, auf jede Zuschrift persönlich zu antworten.

 

Denjenigen, die ihre Zustimmung bekundet haben, sei herzlich gedankt! In diesen Zuschriften werden teilweise sehr profunde Argumente und konkrete Informationen mitgeteilt, die unsere Kritik an der Ökonomisierung aller möglichen Lebensbezüge, die wir am Beispiel des Schlüsselbegriffs »Humankapital« exemplarisch aufzeigen wollten, nur noch verstärken. Insbesondere wird – auch von Fachleuten – darauf hingewiesen, wie wenig sich die reinen Vertreter der »Humankapital«-Theorie offenbar der begrenzten Reichweite ihrer Ansätze noch bewusst sind.

 

Den Kritikern sei folgendes gesagt: Die ehrwürdige Tradition des Fachbegriffs »Humankapital«, auf die die Gegner unserer Unwort-Wahl immer wieder verweisen, war und ist der Unwort-Jury sehr wohl bekannt. Es hieß auch schon einmal (etwas weniger «berechnend») »geistiges Kapital« (vgl. Adam Smith u. a.). Uns war und ist auch bewusst, dass mit diesem Begriff neben Sachkapital und Finanzkapital menschliche Fähigkeiten und Fertigkeiten gewürdigt werden sollten. Ob »Humankapital« mittlerweile allerdings mehr als eine schöne Metapher ist, bleibt höchst fragwürdig.

 

Uns  stellt sich angesichts des Unisono-Aufschreis der Experten inzwischen die Frage, ob wir mit der Wortkritik nicht einen Nerv sogar der »Humankapital«-Theorie und ihrer gesellschaftlichen Relevanz getroffen haben. Denn mit welcher Sicherheit soll denn noch der durch Bildung und Ausbildung zu fördernde menschliche Anteil an der Leistungskraft von Unternehmen wie der ganzen Gesellschaft berechnet werden, wenn im wirtschaftspolitischen und -praktischen  Handeln das sog. »Humankapital« von inzwischen mehr als fünf Millionen und mit jeder weiteren Massenentlassung auf den Müll geworfen wird? Was hat die Theorie da noch mit der Realität zu tun? Realität ist doch wohl, dass das »Humankapital« grundsätzlich dem »shareholder value« untergeordnet wird. Auch die um sich greifende Umschreibung von Arbeitkräften als »human resources« (gelegentlich sogar als »personelle Rationalisierungsreserve«) ist mehr als entlarvend. Das rettet auf keinen Fall den angeblich immer noch »humanen« Charakter von »Humankapital«. Auch sollten sich die Experten einmal einer Debatte über etwas weiter gefasste anthropologische Fragestellungen nach dem Wert von Menschen öffnen, der nicht nur mit Euro und Cent berechnet werden kann.

 

Hinweise, dass »Humankapital« schon einmal «bezeichnenderweise» von marxistischer Seite kritisiert worden sei, die die Unwort-Jury in eine bestimmte ideologische Ecke stellen und damit diskreditieren wollen, sind einer wissenschaftlichen Diskussion ebenso unwürdig wie die Ausbrüche einzelner, wir seien «geistige Totengräber unserer Volkswirtschaft» (FAZ) u. ä. Solche Reaktionen erledigen sich eigentlich von selbst.