Die Unwörter von 2000 bis 2009



2009:

Betriebsratsverseucht: Skandalöse Diffamierung der Vertretung von Arbeitnehmerinteressen.

Flüchtlingsbekämpfung: Militärische Umschreibung der Abwehr von Flüchtlingen; Kanzlerin Merkel.

Intelligente Wirksysteme: Verschleierung von Hightech-Munition, sogar im offiziellen Unternehmensnamen des Herstellers.



2008:

Notleidende Banken: Das Verhältnis von Ursachen und Folgen der Weltwirtschaftskrise wird rundweg auf den Kopf gestellt. Während die Volkswirtschaften in ärgste Bedrängnis geraten und die Steuerzahler Milliardenkredite mittragen müssen, werden die Banken mit ihrer Finanzpolitik, durch die die Krise verursacht wurde, zu Opfern stilisiert.

Rentnerdemokratie: Als die Renten um ganze 1,1% erhöht werden sollten, malte der ehemalige Bundespräsident Roman Herzog, selbst Bezieher satter Altersbezüge, das Schreckbild eines Staates, einer Rentnerdemokratie, in «der die Alten die Jungen ausplündern».

Karlsruhe-Touristen: Diffamierung von Bürgern, die wiederholt wegen der Verfassungsgemäßheit von Gesetzen das Bundesverfassungsgericht anrufen - ausgerechnet durch den Vorsitzenden der Polizeigewerkschaft R. Wendt.



2007:

Herdprämie: Das Wort diffamiert Eltern, insbesondere Frauen, die ihre Kinder zu Hause erziehen, anstatt einen Krippenplatz in Anspruch zu nehmen.

Klimaneutral: Kritisiert wird der Versuch, mit diesem Begriff für eine Ausweitung des Flugverkehrs oder eine Steigerung anderer CO2-haltiger Techniken zu werben, ohne dass dabei deutlich wird, wie diese Klimabelastungen «neutralisiert» werden sollen.

Entartet: Umschreibung für Kunst und Kultur ohne religiöse Bindung.



2006:

Freiwillige Ausreise: Gesetzes- und Behördenterminus, wenn abgelehnte Asylbewerber aus deutschen Abschiebehaftanstalten, sog. Ausreisezentren, nach intensiver "Beratung" in ihre Herkunftsländer zurückkehren, wobei die Freiwilligkeit in vielen Fällen zweifelhaft ist.

Konsumopfer: Umschreibung von Models, die durch Abmagern einem  Schönheitsideal der Konsumgesellschaft gerecht werden müssen.

Neiddebatte: Diffamierung der öffentlichen Diskussion um übertriebene Managergehälter.



2005:

Entlassungsproduktivität: Gewinne aus Produktionsleistungen eines Unternehmens, nachdem zuvor zahlreiche für «überflüssig» gehaltene Mitarbeiter entlassen wurden.

Ehrenmord: Inakzeptable Berufung auf eine archaische «Familienehre» zur Rechtfertigung der Ermordung eines meist weiblichen Familienmitglieds.

Bombenholocaust: Widerliche Umschreibung der Zerstörung Dresdens, womit der millionenfache Mord im eigentlichen Holocaust heruntergespielt werden soll.

Langlebigkeitsrisiko: Unsensibler Fachterminus für das Versicherungsrisiko, das dadurch entsteht, dass Versicherte länger leben als kalkuliert; vgl. auch «Todesfallbonus».



2004:

Humankapital: Degradiert Menschen zu nur noch ökonomisch interessanten Größen.

Begrüßungszentren: Sprachliche Verniedlichung von Auffanglagern für afrikanische Flüchtlinge; diese Wortbildung ist kongenial zu dem schon offiziellen Namen Ausreisezentrum für Abschiebehaftanstalten.

Luftverschmutzungsrechte: Nicht nur ökologisches Unding, das Wort trägt vielmehr auch dazu bei, «Treibhausgasemissionen» für unbedenklich zu halten, weil ihr Handel rechtlich geregelt wird.



2003:

Tätervolk: Grundsätzlich inakzeptabler Kollektivschuldvorwurf; als potenziell möglicher Vorwurf gegen Juden bei Martin Hohmann schlicht antisemitisch.

Angebotsoptimierung: Beschönigung von Dienstleistungsminderungen, etwa Stilllegung von Bahnstrecken; ähnlich «Briefkastenoptimierung».

Abweichler: Diskriminierung von Bundestagsabgeordneten, die Gewissensentscheidung über Fraktions-/Koalitionszwang stellten.



2002:

Ich-AG: Reduzierung von Individuen - als Aktiengesellschaft? - auf sprachliches Börsenniveau.

Ausreisezentrum: Behördenterminus für Sammellager, aus denen abgewiesene Asylbewerber abgeschoben werden.

Zellhaufen: Sprachliche Verdinglichung von Biotechnikern für einen menschlichen Embryo.



2001:

Gotteskrieger: Selbst- und Fremdbezeichnung der Taliban- und El Qaeda-Terroristen.

Kreuzzug: Pseudoreligiöse Verbrämung kriegerischer Vergeltungsmaßnahmen; US-Präsident George W. Bush.

Topterroristen: Verharmlosende und positivierende Benennung von Osama bin Laden.

Therapeutisches Klonen: Zweifelhafte Wortzusammenstellung um Manipulationen am menschlichen Erbgut gegen Krankheiten/für Therapien in nicht absehbarer Zeit zu rechtfertigen.

Gewinnwarnung: Von Aktionären verwendeter sachlich falscher Begriff, der vor geringeren Gewinnen als erwartet warnt.



2000:

National befreite Zone: Zynisch heroisierende Umschreibung einer Region, die von Rechtsextremisten terrorisiert wird.

Überkapazitäre Mitarbeiter: Reduzierung von zu entlassenden Arbeitnehmern auf rein betriebswirtschaftliche Größen.

Separatorenfleisch: Seriös klingende, bei BSE-Verdacht besonders unangemessene Bezeichnung von Schlachtabfällen.

«Dreck weg!»: CDU-Parole in Darmstadt, die sich auch gegen »missliebige« Menschen richtete.